Forschungsskandal in Innsbruck

19.08.2008 12:57

Studie der Medizinischen Universität mit gravierenden Mängeln

16. August 2008, Neue Zürcher Zeitung

Forschungsskandal in Innsbruck

Studie der Medizinischen Universität mit gravierenden Mängeln

Ein offizieller Bericht erhebt schwere Vorwürfe gegen eine an der Universität Innsbruck durchgeführte medizinische Studie. Der Rektor befürchtet, dass der Skandal unter den Teppich gewischt wird.

ni. Eine an der Medizinischen Universität Innsbruck durchgeführte Studie zur Evaluation einer neuartigen Zelltherapie bei Blasenschwäche weist gravierende Mängel auf; zu diesem Schluss ist ein Untersuchungsbericht der staatlichen Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) gekommen. Bei dem in die Kritik geratenen Behandlungsverfahren injizierten die Ärzte dem Patienten körpereigene Stammzellen in den geschwächten Schliessmuskel der Harnblase. Die Zellen hatten sie aus dem Oberarm der Probanden gewonnen und anschliessend im Labor gezüchtet. Die mit dieser Therapie erzielten Resultate schienen so vielversprechend, dass die Studie vor einem Jahr in der Fachzeitschrift «The Lancet» vorgestellt wurde. Ein Kommentator sprach damals von einer neuen Ära in der Behandlung der Inkontinenz.

Fälschungsvorwurf

Diese Einschätzung wird heute niemand mehr teilen. Zu schwer wiegen die Vorwürfe, die im Bericht der Ages erhoben werden. Im Visier der Kritik steht der verantwortliche Studienleiter, Hannes Strasser. Ihm wird vorgeworfen, er habe für seine Untersuchung keine ausreichende Genehmigung durch die Behörden und die dafür zuständige Ethikkommission eingeholt. Zudem seien die Patienten nur ungenügend über die experimentelle Art der Therapie aufgeklärt und auch nicht versichert worden. Der Bericht hält ausserdem fest, dass einige mit der Studie in Verbindung stehende Dokumente manipuliert sein könnten. Möglicherweise handle es sich bei der publizierten Untersuchung um eine «virtuelle Studie», die nachträglich über die Daten von Patienten gestülpt worden sei, heisst es in dem knapp 120-seitigen Bericht, der unter anderem an das Bundesministerium für Gesundheit, Frauen und Jugend in Wien adressiert ist.

Was einige Insider erstaunt, ist die Tatsache, dass sich die Kritik der Ages nur gegen den Oberarzt Strasser richtet. Sein Chef in der Urologischen Klinik, Georg Bartsch, wird in dem Untersuchungsbericht nicht belastet. Und dies, obwohl Bartsch in der «Lancet»-Publikation als einer von mehreren Co-Autoren aufgeführt ist, die «alle Untersuchungen und Behandlungen gemacht haben». Laut einem Online-Bericht der Fachzeitschrift «Nature», die den Innsbrucker Fall seit längerem kritisch beleuchtet, wusste Bartsch angeblich nichts von den Unregelmässigkeiten im Zusammenhang mit der in seiner Klinik über Jahre durchgeführten Inkontinenz-Studie. Die Autorschaft im «Lancet» sei ihm von Strasser aus Respekt ehrenhalber angeboten worden. Mit der Durchführung der Studie und der Behandlung der Patienten habe er nichts zu tun gehabt. Einer, der das nicht glaubt, ist der Rektor der Medizinischen Universität Innsbruck, Clemens Sorg. Der 2005 aus Deutschland berufene Professor kämpft für eine rasche und vollständige Aufdeckung des Falls. Es sei ein Skandal, sagt er gegenüber der NZZ, dass man den Hauptschuldigen laufen lasse. Er überlegt sich, Bartsch und Strasser zu suspendieren. Bei Strasser sei der Fall klar, sagt Sorg. Ihn hat er auch schon aufgefordert, bis zum 18. August alle Publikationen zur Inkontinenz-Behandlung zurückzuziehen. Für eine Suspension von Bartsch müsste er beweisen können, dass dieser von dem wissenschaftlichen Fehlverhalten gewusst habe, betont Sorg.

Doch dafür bleibt dem Rektor möglicherweise keine Zeit mehr. Denn nächsten Donnerstag will der mächtige Universitätsrat, dem sieben einflussreiche Persönlichkeiten angehören, über seine Absetzung entscheiden. Das wäre in Österreich ein absolutes Novum, sagt Sorg. Laut dem «Nature»-Bericht wirft der Universitätsrat dem 66-jährigen Rektor Pflichtverletzungen vor, welche die Universität wirtschaftlich schädigen könnten. Ganz anders sieht dies offenbar der Senat der Universität. Dieser hat sich am 28. Juli einstimmig für Sorg und gegen die Anschuldigungen ausgesprochen. Weitere Persönlichkeiten der Universität haben sich ebenfalls hinter den Rektor gestellt.

Instanz und Regeln fehlen

Sorg, dessen Arbeitsvertrag auf Ende September 2009 ausläuft, ist enttäuscht und auch entsetzt, wie mit einem mutmasslichen Betrugsfall umgegangen wird. Als er vergangenen Herbst von den Unregelmässigkeiten in der Urologischen Klinik erfahren habe, habe er feststellen müssen, dass es in Österreich keine zuständige Instanz und auch kein Regelwerk für den Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten gebe. Das sei nicht europäischer Standard und stelle eine Gefahr für den Forschungsplatz Österreich dar, betont der Rektor. Im Frühling sei er schliesslich an die Akademie der Wissenschaften gelangt. Diese habe ihm eine unabhängige Untersuchung in Aussicht gestellt. Als jedoch die Pläne für Sorgs Absetzung bekannt geworden seien, habe man die Angelegenheit auf Eis gelegt, wird der Präsident der Akademie in «Nature» zitiert. Er habe den Eindruck, sagt Sorg, man wolle ihn loswerden, damit Gras über den Fall wachsen könne.

Dass dies nicht passieren wird, dafür könnten auch die rund 400 Patienten besorgt sein, die von Strasser innerhalb und ausserhalb von Studien behandelt worden sind. Denn laut «Nature» geben einige an, seit der Behandlung unter teilweise gravierenden Nebenwirkungen zu leiden. Ausserdem haben offenbar andere Ärzte die Stammzelltherapie gegen Blasenschwäche wegen Ergebnislosigkeit wieder verlassen. Es besteht deshalb erhebliche Unsicherheit, was die behauptete Wirksamkeit der Innsbrucker Zelltherapie betrifft. Mit rechtlichen Auseinandersetzungen ist zu rechnen.




22. August 2008, Neue Zürcher Zeitung

Universitätsrektor in Innsbruck abgesetzt

Möglicher Zusammenhang mit jüngstem Forschungsskandal

In Innsbruck ist der Rektor der Medizinischen Universität abgesetzt worden. Ihm wird vom Universitätsrat unter anderem Pflichtverletzung vorgeworfen. Beobachter sehen dagegen einen Zusammenhang mit dem Forschungsskandal, den dieser aufdecken wollte.

ni. Nun ist das eingetreten, was lokale Beobachter seit Tagen erwartet haben: Clemens Sorg, der Rektor der Medizinischen Universität Innsbruck, ist abgesetzt worden. Der Universitätsrat wirft dem deutschen Professor Pflichtverletzung und Vertrauensverlust vor. Sein Verhalten stelle eine Gefahr für das wirtschaftliche Wohlergehen der Universität dar. Sorg ist der erste Rektor Österreichs, der seit Inkrafttreten des neuen Universitätsgesetzes 2002 abberufen worden ist.

Unterstützung vom Universitätssenat

Die vom siebenköpfigen Universitätsrat vorgebrachten Vorwürfe gegen Sorg sind seit längerem bekannt. Der Universitätssenat mit über zwanzig Mitgliedern stellte sich Ende Juli allerdings geschlossen hinter Sorg. Das Organ bezeichnete die Anschuldigungen des Universitätsrats als nicht ausreichend für eine Absetzung. Ein Insider sagte gegenüber der NZZ: «Wenn diese Gründe reichen, dann kann man in Österreich alle Rektoren von medizinischen Universitäten entlassen.»

Die Vorwürfe werden von einigen Beobachtern daher vielmehr als Vorwand angesehen, um den starken und selbstbewussten Rektor loszuwerden. Zwei hochrangige Vertreter der Universität Innsbruck, die aus Furcht vor Konsequenzen anonym bleiben wollen, sehen die Absetzung vor allem im Zusammenhang mit dem Forschungsskandal an der Urologischen Klinik. Vor wenigen Tagen war bekanntgeworden, dass die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) bei einer klinischen Studie zur Evaluation einer neuartigen Zelltherapie bei Blasenschwäche gravierende Versäumnisse und Mängel festgestellt hatte. Die Beobachter sprechen von einem der grössten medizinischen und wissenschaftlichen Skandale Österreichs.

Laut diesen Stimmen hatte sich Sorg für eine vollständige Aufklärung des Falls eingesetzt, was nicht allen gefallen habe. Nun wird befürchtet, dass die Probleme mit dem Ages-Bericht schubladisiert und «auf die elegante österreichische Art» entsorgt würden. Dieser Auffassung widerspricht Gabriele Fischer, die Vorsitzende des Universitätsrats. Sie betonte, dass es keine kausale Verknüpfung zwischen den Vorwürfen gegen Sorg und den Unregelmässigkeiten in der Urologischen Klinik gebe. Zudem habe man Sorg gebeten, den Ages-Bericht an die Staatsanwaltschaft weiterzuleiten. Diese Behörde habe nun zu entscheiden, wie weiter vorgegangen werde.

Die befragten Insider geben sich überzeugt, dass mit dem Ages-Bericht, der nur eine Studie unter die Lupe genommen habe, noch nicht das ganze Ausmass der Unregelmässigkeiten ans Licht gekommen sei. Bereits seien weitere Studien aus der Klinik aufgetaucht, bei denen es möglicherweise ebenfalls Mängel zu entdecken gebe. Die Beobachter kritisieren zudem, dass die Ages das dokumentierte wissenschaftliche Fehlverhalten nur dem für die Studie zuständigen Oberarzt Hannes Strasser anlastet. Sein Chef in der Urologischen Klinik, Georg Bartsch, wird dagegen von jeder Beteiligung freigesprochen. Und dies, obwohl Bartsch im Ages-Bericht als der für die Studiendurchführung verantwortliche «Prüfarzt» und «Studienleiter» bezeichnet wird.

Ohne Bartschs aktive Förderung wäre es laut den Insidern undenkbar gewesen, in seiner Klinik rund 400 Patienten mit der neuen Methode zu behandeln. Es sei unerhört, wenn Bartsch nicht realisiert habe, dass in seiner Klinik die Evaluation der neuen Therapie nicht mit der üblichen Abfolge von Studien erfolgt sei. So ist offenbar nach der Phase-1-Studie, mit der die Verträglichkeit einer Therapie an wenigen Personen getestet wird, gleich eine Phase-3-Studie zur Etablierung der Behandlung durchgeführt worden; eine Phase-2-Studie hat nie stattgefunden. Es sei rechtlich problematisch und unethisch, wenn Patienten ausserhalb von Studien behandelt würden, noch bevor die Wirksamkeit der Therapie bewiesen sei.

Mit diesen Vorwürfen konfrontiert, weist Bartsch jede Verantwortung zurück. Er betont, dass Strasser alle Studien und Behandlungen in eigener Regie durchgeführt habe und er, Bartsch, von nichts gewusst habe. Der Chefarzt erklärt weiter, dass er Strasser seit 20 Jahren kenne und ihm vertraut habe. Dass sein Vertrauen derart missbraucht worden sei, sei für ihn enttäuschend.

Welche Gründe bei der Abwahl des Rektors den Ausschlag gegeben haben, lässt sich derzeit schwer ausmachen. Vielleicht liegt die Kommentatorin der «Tiroler Tageszeitung» gar nicht so falsch, wenn sie schreibt: Die «Suppe der Vorwürfe» gegen Sorg «war bis zuletzt sehr dünn». Das hätten selbst Universitätsrats-Mitglieder hinter vorgehaltener Hand eingestanden. Doch mit seinen Aussagen in internationalen Medien habe Sorg seinen Gegnern im letzten Moment einen nachvollziehbaren Absetzungsgrund serviert. «Die Seriosität des österreichischen Forschungsstandorts anzuzweifeln, kommt einer Nestbeschmutzung gleich. Das wird nie goutiert.»

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